Sterben in der Schweiz tatsächlich 3700
Menschen im Jahr, weil sie gesundheitsschädigende Partikel einatmen?
Die Feinstaub-Panikmache ist ein Fall fürs Lehrbuch, wie sich mit
Wissenschaft Politik machen lässt.
Kaum jemand beherrscht derzeit das Denken der Menschen in der
Schweiz so wie Nino Künzli und dennoch kennt ihn fast niemand.
Dabei wurde er im September 2000 «über Nacht berühmt», wie das
Gratisblatt Baslerstab schrieb. Denn der Forscher am Institut für
Sozial- und Präventivmedizin der Uni Basel veröffentlichte damals
mit seinem Team im renommierten Medizinjournal Lancet eine Studie,
die Aufsehen erregte: Er gab dem Feinstaub in den Autoabgasen die
Schuld an jährlich 20000 Todesfällen in Frankreich, Österreich und
der Schweiz.
Ebenso schnell, wie er Prominenz erlangte, geriet Nino Künzli
wieder in Vergessenheit. Aber seine Studie nicht: Darauf berufen
sich alle, wenn sie die «unglaubliche Umweltkatastrophe» (Blick)
beklagen, dass in der Schweiz jährlich 3700 Menschen wegen des
Feinstaubs in ihren Lungen vorzeitig sterben. Von «Tagesschau»-Moderatorin
Katja Stauber bis zu SPS-Vizepräsidentin Ursula Wyss verkünden
alle eine Zahl, von der niemand weiss, woher sie stammt.
Beim Kreuzzug gegen den Feinstaub weisen noch einzelne Ketzer auf
Merkwürdigkeiten hin. Erstens: Elf Kantone befehlen auf den
Autobahnen Tempo80, während sogar Umweltminister Moritz
Leuenberger die Massnahme als wirkungslose «Show» belächelt, weil
die Belastung kaum vom Personenverkehr kommt. Zweitens: Die SBB
priesen sich mit einem Aktionstag als umweltfreundliche
Alternative an, obwohl schon vor fünf Jahren Forscher belegten,
dass die Bahn zu den grössten Schadstoffproduzenten gehört.
Drittens: Besorgte Ärzte raten vom Aufenthalt im Freien ab, weil
es wegen des Feinstaubs 4000 Fälle von akuter Bronchitis bei
Kindern gebe, dabei führt das Rauchen von fünf Zigaretten in einem
Zimmer zum Zwanzigfachen der zulässigen Feinstaubkonzentration,
und dabei läuft gemäss Dr. Samuel Stutz jeder vierte Raucher
also in der Schweiz eine halbe Million Menschen «mit einer
Lungenkrankheit herum, ohne es zu wissen».
Was Künzli vor fünf Jahren festschrieb, gilt aber immer noch für
alle als Glaubenssatz: Der Feinstaub aus den Autoauspuffen
bedeutet eine tödliche Gefahr, was jede auch nur symbolische
Massnahme rechtfertigt. Dabei kommt aus dem Staunen nicht heraus,
wer nach den Ursprüngen dieses Schreckens forscht: ein bisschen
Archäologie zur Aktualität.
Was die Warner derzeit verbreiten, von der Zürcher Baudirektorin
bis zur Weltgesundheitsorganisation WHO, stammt alles aus der
Studie, die Nino Künzli im September 2000 herausgab. Diese beruht
auf früheren Arbeiten des Basler Instituts für Sozial- und
Präventivmedizin. Es legte in der Studie Nummer eins von 1994, die
der Nationalfonds mit 4,2 Millionen Franken unterstützte,
«erstmals belegbare Erkenntnisse» vor, dass zwischen der
Luftverschmutzung und den Erkrankungen der Atemwege ein
Zusammenhang bestehe. Der Tessiner Forscher Guido Doming-Hetti
bezeichnete die Studie, an der er selber mitgearbeitet hatte, zwar
als «unwissenschaftlich», und der Lausanner Professor Michel
Guillemin wies darauf hin, dass es auf die Qualität der Innenluft
ankomme. Aber die Forschung der Basler kam allen recht, die zu
dieser Zeit für Bahnausbau und Schwerverkehrsabgabe kämpften: Es
galt, zu beweisen, dass der Privatverkehr die Kosten nicht deckt,
die er für Menschen und Umwelt verursacht.
Das rechnete denn auch die Studie Nummer zwei von 1996 zur
«Monetarisierung der verkehrsbedingten externen Gesundheitskosten»
vor, mit Zahlen, die der Auftraggeber Moritz Leuenberger
«eindrücklich und erschreckend» fand. Gestützt auf die früheren
Arbeiten der Basler, die damals die Zahl der vorzeitigen
Todesfälle wegen der Luftbelastung noch auf 2100 schätzten,
errechnete die Studie ungedeckte Kosten von 894 Millionen Franken
für den Personenverkehr und von 518 Millionen für den Güterverkehr
auf der Strasse inklusive Preis für das Ausstellen eines
Totenscheins (Fr. 39.60). Die Bahnen, die wegen des Abriebs an
Bremsen und Schienen jährlich 3300 Tonnen Feinstaub verursachen,
bekamen keine externen Kosten angelastet. Dabei zogen andere
Wissenschaftler zur gleichen Zeit für dasselbe Departement den
Schluss: «Dem Prinzip der Kostenwahrheit ist man beim
Strassenverkehr näher als beim Schienenverkehr und beim
Privatverkehr näher als beim öffentlichen Verkehr.»
Keine Daten, aber ein Resultat
Die Ärzte für den Umweltschutz legten 1997 die Studie Nummer drei
nach. In ihrem Namen forderte Nino Künzli für die Schweiz als
erstes Land einen verbindlichen Grenzwert für den Feinstaub.
Zwar stellte der Forscher in seiner vom Nationalfonds bezahlten
Arbeit fest: «Das Risiko, als Folge der Luftverschmutzung zu
erkranken oder vorzeitig zu sterben, kann man für das Individuum
in der Schweiz als relativ gering und kaum wahrnehmbar
bezeichnen.» Doch weil die Wissenschaft ja schon bewiesen hatte,
wie sehr der Strassenverkehr die Luft belastete, forderten die
Umweltärzte gleichwohl die LSVA und ein scharfes CO2-Gesetz,
autofreie Sonntage und Tempo30 innerorts.
Dann veröffentlichte Nino Künzli 2000 seine aufsehenerregende
Studie Nummer vier, die im Auftrag des Bundes in den
Alpentransitländern Frankreich, Österreich und Schweiz
durchgeführt worden war: Darin schrieb er fest, dass hierzulande
wegen des Feinstaubs jährlich 3300 Menschen vorzeitig sterben.
«Wir haben bei dem Projekt mit Datenmangel gekämpft», gab der
Forscher zwar zu: Schliesslich lässt sich nicht beweisen, dass
jemand an einer Feinstaubvergiftung stirbt. Aber internationale
Arbeiten, etwa aus dem dreckigen Belfast, zeigten deutlich, dass
die Zahl der Todesfälle zunahm, wenn sich die Luftqualität
verschlechterte. Deshalb nahmen die Studienautoren an, dass die
Sterblichkeitsrate der Bevölkerung um vier Prozent steige, wenn
sich die Feinstaubbelastung um 10 Mikrogramm pro Kubikmeter
erhöht. Ihre Hochrechnung begannen sie bei äusserst geringen in
der Schweiz nirgends erreichten 7,5 Mikrogramm; eine Annahme,
die Professor Felix Gutzwiller als Leiter des Instituts für
Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich anzweifelte: Wären die
Forscher vom amerikanischen Grenzwert (15 Mikrogramm) ausgegangen,
hätten sich ihre Totenraten halbiert, beim Schweizer Grenzwert (20
Mikrogramm) wären sie auf ein Zehntel zurückgegangen.
«Das Risiko für den Einzelnen ist gering»
Aber die exakte Zahl hochgerechnet aufgrund von Annahmen,
Schätzungen und eigenen Arbeiten, die auf Annahmen und Schätzungen
beruhten steht seither fest. Ja, sie hat sich, wohl wegen des
Bevölkerungswachstums, sogar stillschweigend auf 3700 Tote erhöht.
Diese Zahl verkünden heute in Medien und Politik alle wie einen
Glaubenssatz.
Nur der Forschungsarchäologe fragt sich: Weshalb hat sich die Zahl
der Toten, die die Luftverschmutzung fordert, in den Studien der
Basler Präventivmediziner innert zehn Jahren fast verdoppelt? Und
dies, obwohl das Bundesamt für Umwelt auf seiner Website
verheissungsvolle Zahlen zeigt? Die Belastung durch Feinstaub ging
seit 1997 in allen Gebieten fast um ein Drittel zurück, jene durch
Kadmium um 75 und jene durch Blei gar um 85Prozent. Kurz: Die
Schweizer Luft wird immer sauberer!
Warum tritt der Experte Nino Künzli angesichts dieser Fragen nicht
täglich in den Medien auf, berät Verängstigte am
Blick-Lesertelefon und erklärt Katja Stauber in der «Tagesschau»
den Sachverhalt? Der Forscher arbeitet nicht mehr an der Uni
Basel: Er weilt derzeit für ein Gastsemester in Barcelona und
lehrt sonst als Privatdozent am Southern California Environmental
Health Sciences Center. Das Institut steht in Los Angeles, mitten
in den Abgasen der berüchtigtsten Autowüste der Welt.
Fürchtet der aus dem Luftkurort Davos stammende Umweltschützer
keine Gefahr für Leib und Leben? Das fragte ihn schon vor fünf
Jahren der Baslerstab. Er habe keine Angst, beruhigte Nino Künzli
den Journalisten, selbst wenn er morgens mit dem Velo an den
schwärzesten Auspuffwolken vorbeiradle: «Das Risiko für den
Einzelnen ist gering.»